Mein Bruder und ich haben beide keine Kinder, kommen aber aus einem familiären Umfeld, in dem es definitiv die Norm ist, in unserem Alter in festen, auf Dauer angelegten Liebesbeziehungen zu sein (am besten verheiratet) und Kinder zu haben. Ich habe diese Norm auf jeden Fall verinnerlicht, auch wenn ich versuche, sie zu dekonstruieren. Je älter ich werde, desto mehr fühle ich mich an Ähnlichaltrigen gemessen, die eine entsprechende Beziehung und/oder Kinder haben. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie kaum je konkrete Erwartungen in diese Richtung äußern. Dennoch spüre ich – neben meiner verinnerlichten Norm – ihre Erwartung und ihren Wunsch. Ich sehe auch, wie sie sich mit ihren Geschwistern und Freund_innen vergleichen, die fast alle längst (mehrfache) Großeltern sind.
Ich bin mir nicht immer sicher, dass ich keine Kinder haben möchte. Aber ich bin mir sicher, dass meine Eltern Enkelkinder haben möchten. Und dass sie gute Großeltern wären. Manchmal erfüllt es mich mit Scham, ihnen das nicht zu ermöglichen. Ich habe bisher in meinem Leben meistens die in mich gesetzten Erwartungen erfüllt (und oft war es mir wichtiger als ich zugegeben hätte). Sie an diesem wesentlichen Punkt zu enttäuschen, fällt mir nicht leicht. Da es für mich über weite Teile der letzten Jahre keine selbstbestimmte Entscheidung war, kinderlos und ohne feste Liebesbeziehung zu sein, und ich mir oft auch eines oder beides gewünscht hätte, finde ich es schwer, den Zustand meiner Kinderlosigkeit anzunehmen und ihn auch im Familienkontext mit Selbstbewusstsein zu leben. Politische und gesellschaftskritische Haltungen und Dekonstruktionen helfen mir selbst, meine Beziehungs- und Kinderlosigkeit anzunehmen. Im Familienkontext helfen sie mir nicht weiter.