- Alter
- 36
- Gender
- männlich
- Kinderwunsch
- unklar
Tickt Deine biologische Uhr bzw. was löst diese Metapher bei dir aus?
Als Mensch mit Hoden bin ich aufgewachsen, als beträfe mich diese Metapher nicht. Biologische Uhr? Die war für Personen mit Uterus. Beispiele von alten und sehr alten Vätern hatte ich genug in den Medien. Heute habe ich die Mitte 30 hinter mir gelassen und bin kinderlos. Ich habe immer wieder Phasen gehabt, in denen ich mir Kinder – oder präziser: Beziehungen, in denen Kinder möglich wären – sehr gewünscht habe, und Phasen, in denen ich mit meiner Kinderlosigkeit sehr zufrieden war. In den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass für mich zwar vielleicht keine biologische Uhr tickt (wer weiß das schon; vielleicht hat sie auch nie getickt oder ist schon längst abgelaufen) – doch aber eine soziale. Für mich ist keineswegs mehr klar, ob ich überhaupt noch Vater sein will, aber wenn: dann kein allzu alter. Deutlich jenseits der 40 noch zum ersten Mal Vater zu werden, sehe ich gerade nicht für mich: Weil ich das Privileg, vielleicht noch länger zeugungsfähig sein zu können, nicht ausspielen will. Weil ich glaube, dass es für Kinder herausfordernd sein kann, stark überdurchschnittlich alte Elternteile zu haben (z.B. als frühe/vorzeitige Konfrontation mit Alter und Tod des Elternteils…). Weil ich mir Elternschaft in irgendeiner Form von intensiver und naher Beziehung vorstelle (ob in einer Liebesbeziehung, in einer Freundschaftsbeziehung oder anders) und das auch für diese Beziehung eine große Altersdifferenz (und damit Ungleichheit) bedeuten würde, die ich nicht will.
Welche Rahmenbedingungen brauchst du zur Umsetzung deines Kinderwunsches?
Lange Zeit hätte ich als erstes geantwortet: Eine funktionierende, auf längere Dauer angelegte Liebesbeziehung, in der (ein) gemeinsame(s) Kind(er) vorstellbar ist/sind. Vielleicht erscheint das von außen als Selbstverständlichkeit und ist nicht unbedingt die Antwort, die Menschen bei dieser Frage erwarten. Aber als Person, die einen großen Teil ihres Erwachsenenlebens nicht in Liebesbeziehungen verbracht hat, finde ich es wichtig, auch diesen Aspekt sichtbar zu machen. Allzu oft begegnet mir die Paar-Norm bzw. Liebesbeziehungs-Norm, die mir ein wenig hinterfragter Aspekt von Heteronormativität zu sein scheint – wenig hinterfragt auch in gesellschaftskritischen Milieus und insbesondere beim Thema Kinderkriegen.
Auch wenn ich in Phasen eines ausgeprägten Kinderwunsches über Möglichkeiten nachgedacht und mich informiert habe, um alleine Vater zu werden (Pflegekind, Adoption…), war mir letztlich immer klar, dass ich das in Beziehung erleben und vor allem die Verantwortung teilen will. Das muss keine Zweier-Liebesbeziehung sein, aber doch irgendeine Form von Kollektivität, gemeinsamer Entscheidungsfindung, Teilen von Freude, Verantwortung, Ängsten, Entwicklungsschritten etc. Mit Blick auf die Reproduktion des Patriarchats – insbesondere in der Rolle des Vaters/Patriarchen – und dessen Keimzelle, der heterosexuellen Kleinfamilie, fände ich es sogar erstrebenswert, Vaterschaft in einer anderen Konstellation zu erfahren. In der Realität erlebe ich aber, dass oft spätestens beim Thema Kinder nicht mehr viel übrig bleibt von den Idealen freundschaftszentrierter Lebensweisen und alternativer Lebensformen. Am Ende gewinnt dann eben doch allzu oft die Kleinfamilie, bestenfalls in einer modernisierten Variante mit ein paar unterstützenden Freund_innen und ein wenig schlechtem Gewissen. Mich macht das manchmal traurig, manchmal wütend und es lässt mich oft einsam zurück.
Welche gesellschaftlichen Erwartungen werden an Dich bezüglich Kinder kriegen bzw. Kinder haben herangetragen? Mit welcher davon hast du am meisten zu kämpfen?
Mein Bruder und ich haben beide keine Kinder, kommen aber aus einem familiären Umfeld, in dem es definitiv die Norm ist, in unserem Alter in festen, auf Dauer angelegten Liebesbeziehungen zu sein (am besten verheiratet) und Kinder zu haben. Ich habe diese Norm auf jeden Fall verinnerlicht, auch wenn ich versuche, sie zu dekonstruieren. Je älter ich werde, desto mehr fühle ich mich an Ähnlichaltrigen gemessen, die eine entsprechende Beziehung und/oder Kinder haben. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie kaum je konkrete Erwartungen in diese Richtung äußern. Dennoch spüre ich – neben meiner verinnerlichten Norm – ihre Erwartung und ihren Wunsch. Ich sehe auch, wie sie sich mit ihren Geschwistern und Freund_innen vergleichen, die fast alle längst (mehrfache) Großeltern sind.
Ich bin mir nicht immer sicher, dass ich keine Kinder haben möchte. Aber ich bin mir sicher, dass meine Eltern Enkelkinder haben möchten. Und dass sie gute Großeltern wären. Manchmal erfüllt es mich mit Scham, ihnen das nicht zu ermöglichen. Ich habe bisher in meinem Leben meistens die in mich gesetzten Erwartungen erfüllt (und oft war es mir wichtiger als ich zugegeben hätte). Sie an diesem wesentlichen Punkt zu enttäuschen, fällt mir nicht leicht. Da es für mich über weite Teile der letzten Jahre keine selbstbestimmte Entscheidung war, kinderlos und ohne feste Liebesbeziehung zu sein, und ich mir oft auch eines oder beides gewünscht hätte, finde ich es schwer, den Zustand meiner Kinderlosigkeit anzunehmen und ihn auch im Familienkontext mit Selbstbewusstsein zu leben. Politische und gesellschaftskritische Haltungen und Dekonstruktionen helfen mir selbst, meine Beziehungs- und Kinderlosigkeit anzunehmen. Im Familienkontext helfen sie mir nicht weiter.
Was ist für Dich feministische Mutterschaft? Geht das überhaupt? Wie geht Vaterschaft ohne in patriarchale Muster zu verfallen?
Diese Frage beschäftigt mich viel und ich merke, dass sie für mich stark zusammenhängt mit der Frage, ob ich Kinder will. Das klingt wahrscheinlich banal, aber im Patriarchat werden wir es nicht schaffen, nicht in patriarchale Muster zu verfallen – vor allem nicht in heterosexuellen Kleinfamilien. Ich als heterosexueller Cis-Mann schon gleich gar nicht. Für mich stellt sich also eher die Frage, ob und wie Elternschaft für heterosexuelle Cis-Männer möglich ist, ohne allzu sehr Väter zu sein. Also paradox formuliert und konkret auf mich bezogen: Wie kann ich als heterosexueller Cis-Mann Vater sein, ohne Vater zu sein?
Grundsätzlich glaube ich nicht, dass Vaterschaft möglich ist, ohne in der Rolle des Vaters (also des Patriarchen) das Patriarchat zu reproduzieren. Vaterschaft in ihren wechselnden Formen ist in unseren Gesellschaften die Rolle/Norm, von der aus das Patriarchat gedacht und konstruiert ist. Vaterschaft und Männlichkeit sind als Säulen des Patriarchats eng miteinander verwoben. Im Patriarchat sozialisiert und lebend komme ich aus der Nummer nicht raus. Das lässt mich ernsthaft daran zweifeln, ob ich überhaupt Kinder will. Aber auch das scheint mir ein fauler Ausweg zu sein, der letztlich keiner ist. In patriarchalen Mustern bleibe ich so oder so.
Bleibt also auch hier nur die Subversion, das Eingehen der Widersprüche, das beständige Arbeiten an und mit ihnen. Dass mir das mit meiner Positionierung in einer heterosexuellen Kleinfamilienkonstellation gelingen kann, glaube ich nicht. Da läge dann einfach zu viel Norm-Ballast in der Waagschale. Daher kann ich mir Eltern-/Vaterschaft nur in Familienmodellen vorstellen, die wenig(er) konform sind (weil sie mehr als zwei Erwachsene/Eltern umfassen, weil sie queeres Begehren beinhalten, weil sie Zweigeschlechtlichkeit unterlaufen, weil sie an Lebensweisen von Familie anknüpfen, die weniger bürgerlich/europäisch geprägt und kollektiver gedacht sind…).