Daria

Alter
21
Gender
weiblich
Kinderwunsch
nein

Warst Du dir schon immer sicher, dass Du selbst Kinder bzw. dass Du keine Kinder willst? Warum? Was lässt dich Zweifeln, was bestärkt dich?

Durch die Internetseite „Selbstbestimmt steril“ wurde es mir ermöglicht mich sterilisieren zu lassen. Das erste Mal von dieser Option gehört habe ich im Alter von 15 Jahren, wirklich los gelassen hat mich das seitdem nicht. Noch nie in meinen 21 Jahren hatte ich den Wunsch Kinder zu kriegen, viel eher habe ich schon immer stark in die andere Richtung tendiert. Ich habe mich also insgesamt 5 Jahre mit der Sterilisation auseinandergesetzt, vermehrt seitdem ich 18 geworden bin.

Die Gründe, warum ich keine Kinder will, sind für mich sehr vielschichtig. Zum einen, dass ich das moralisch nicht mit mir selbst vereinbaren kann. Ich halte nicht viel von dieser Welt, durch Politik und Klimawandel sehe ich ja schon meine eigene Zukunft gefährdet. Dazu kommt, dass mir meine Frauenärztin erklärt hat, dass aufgrund meiner Anatomie und Statur eine Schwangerschaft und Geburt wahrscheinlich mit Komplikationen verbunden wäre. Zusätzlich habe ich selbst nicht die beste Beziehung zu meinen Eltern und ich glaube, dass ich es nicht besser machen könnte als die. Dabei bin ich der Meinung, dass Kinder mehr verdienen. Jemanden, der sie bedingungslos liebt und versorgt und nicht wie mit Erwachsenen mit ihnen umgeht. Ich habe zu viel von der Wut und der ungesunden Umgangsweise damit geerbt. Hinzu kämen außerdem die körperlichen Unannehmlichkeiten von Schwangerschaft und Geburt, bei denen ich wüsste, dass ich meine Kinder dafür verantwortlich machen und verachten würde. Der letzte Grund ist schließlich meine eigene Kindheit. Über mehrere Jahre hinweg wurde ich von jemandem aus meiner Familie sexuell missbraucht, sodass ich bis heute ein gestörtes Verhältnis zu Sexualität und Familie habe. Niemand aus meiner Familie weiß davon, es wurde nie etwas zur Anzeige gebracht und selbst wenn ich das nun tun würde, sind die Erfolgsaussichten verschwindend gering. Und last but not least: ich habe nach wie vor Kontakt zu diesem Menschen.

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Wie ist der Prozess bis zur Sterilisation abgelaufen?

Ich habe mich also seitdem ich Anfang 20 war ernsthaft damit auseinander gesetzt mich sterilisieren zu lassen, aber keine Stelle in meiner Nähe gefunden und versucht einen Weg zu finden. Ich bin dabei auf die Seite von „Selbstbestimmt steril e.V.“ gestoßen, die sich für einen Zugang zu Sterilisation von Frauen einsetzt. Da Sterilisationen Frauen in jüngeren Jahren und ohne Kinder häufig verwehrt werden, sammelt die Seite Gynäkolog*innen, die selbstbestimmte Sterilisationen unterstützen. Irgendwann gab es bei der Seite einen neuen Eintrag, von einer Stelle, die Sterilisationen auf Wunsch durchführt, die ich direkt mit dem Zug erreichen kann und die nur eine einstündige Fahrt entfernt ist. Ich habe dort angerufen und einen ersten Termin ausgemacht, direkt wurde mir auch ein OP-Termin gegeben. Den Preis musste ich natürlich selbst tragen, und der liegt bei 900€.

Zwei Monate später hatte ich den ersten Termin. Es wurden ein paar Untersuchungen gemacht und dann wurde ich zu den Hintergründen dieser Entscheidung gefragt. Als erstes bin ich auf die Missbrauchsgeschichte eingegangen. Das wurde so hinterfragt und besprochen, dass letztendlich keine Zeit mehr für meine anderen Gründe war, die hinter meiner Entscheidung stehen. Mir wurde gesagt, dass man die OP nicht ohne weiteres bei mir machen würde, da man ja nicht sicher sein könnte, ob ich in der Lage bin diese Entscheidung mit dieser Tragweite zu treffen. Ich solle in vier Wochen nochmal wiederkommen und dann würde man schauen, ob ich immer noch so empfinde und möchte und bis dahin könne man sich auch im Krankenhaus beratschlagen, ob man diesen Eingriff bei mir durchführen könne.

Die Zeit, in der es so aussah, als würde ich die OP bekommen, war wirklich sehr erleichternd für mich.. Im Ich hatte in der Zeit ein besseres Verhältnis zu Sexualität, kam viel besser mit den Kindern in meinem Umfeld klar und auch Teile meiner Erkrankungen wurden schlagartig besser.

Beim zweiten Termin wurden abermals die gleichen Untersuchungen durchgeführt, wie beim ersten Mal, ohne eine vorangegangene Entscheidung. Ich habe da einfach mitgemacht, um so problemlos wie möglich weiterzukommen. Aber ohne die Entscheidung zu kennen und mit erneutem vaginalen Ultraschall hat sich das wie bloße Schikane angefühlt. Wozu sollte ich das machen, wenn eh noch im Raum stand, dass die Untersuchungen nicht nötig wären?
Ich musste auch bei diesem Termin mit der Ärztin diskutieren und abermals kleinschrittig emotionale Striptease geben, obwohl sie auch nicht die Ärztin war, bei der letztendlich die Entscheidung lag. Ich habe dieses Mal aber sehr darauf geachtet, zu allererst minutiös auf meine anderen Gründe einzugehen, damit dieses Mal klar wird, wie komplex durchdacht das eigentlich ist. Vermutlich sogar besser durchdacht, als die Hälfte von den Entscheidungen derer, die Kinder in die Welt setzen.

Anschließend hat die Ärztin, mit der ich gesprochen habe, ihre Vorgesetzte angerufen und mit der gesprochen. Diese wollte dann am Telefon mit mir sprechen, auch hier wieder die ganze Geschichte von vorne durchlaufen. Meine Gründe, wieso nicht andere Verhütungsmethoden,... Dieses Mal aber auch mit der Aussage, dass man gerne ein psychologisches Gutachten hätte. Da musste ich mir sehr viel Mühe geben, dass mir der Kragen nicht platzt. Letztendlich habe ich vermutlich eine halbe Stunde mit ihr diskutiert, bis sie zu dem Schluss kam, dass sie diese Entscheidung nicht treffen würde und ihre Vorgesetzte nochmal anrufen würde, und sich danach wieder telefonisch meldet. Es folgte eine Viertel Stunde in der wir quasi nur auf den Rückruf gewartet haben. Als der kam, hat die Ärztin ihn angenommen und nochmals etwa zehn Minuten telefoniert. Anschließend hat sie mir erklärt, dass ihre Vorgesetzte dagegen wäre und das nicht machen wollen würde, deren Vorgesetzte aber wohl und dass man bei mir deshalb eine Ausnahme machen würde.

Das war ein Aufatmen für mich, aber gleichzeitig auch ein Herunterschlucken von Wut. Ab da habe ich dann kommentarlos kooperiert, um nicht irgendjemandes Meinung zu ändern, ich hätte aber eine Menge zu sagen gehabt.

Mein neuer OP-Termin war zehn Tage darauf, bei dem lief alles s,o wie es sollte. Auch kein erneutes Diskutieren für mich. Ich habe den Eingriff gut überstanden und bin heute auf den Tag genau eine Woche und einen Tag sterilisiert. Die Wunden heilen gut ab, und ich bin nach wie vor unglaublich erleichtert und glücklich. Die ganze Geschichte war aber unheimlich kräftezehrend, sodass ich glaube ich noch einiges brauche mich davon zu erholen. Glücklicherweise habe ich gerade Urlaub und somit also genug Zeit dafür. In bin sehr mit mir und der Entscheidung im Reinen und sehr viel ausgeglichener.

Ich nehme sechs Tabletten am Tag, wovon eine die Pille ist. In ein paar Tagen habe ich einen Termin bei meiner Gynäkologin und kann dann hoffentlich die Pille absetzen und mir eine Tablette sparen. Meine Gynäkologin war übrigens sehr unterstützend bei der ganzen Sache, hat mir ohne Diskussion eine Überweisung ausgestellt und mich beraten. Also ich die Überweisung damals abgeholt habe hat sie sich von mir mit den Worten "Viel Glück bei dem Versuch etwas Selbstbestimmung in Deutschland zu finden" verabschiedet. Sie war mir eine große Stütze, für die ich nach wie vor sehr dankbar bin.

Wurde dir schon mal das Recht oder die Möglichkeit abgesprochen (keine) Kinder zu kriegen/zu haben, wie wurde das begründet und was hat das mit dir gemacht?

Ja, mir wurde das Recht abgesprochen, mich gegen Kinder zu entscheiden. Auch wenn ich die Sorge verstehe auch als richtig empfinde, dass man aus Sicht des Arztes nicht leichtfertig eine Sterilisation durchführen will, war die Begründung und deren Formulierung für mich ein Schlag ins Gesicht. Mir wurde vor 15 Jahren mein Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit genommen, und das ist die Begründung dafür, dass man mir auch heute die Selbstbestimmung nimmt?

Zudem wurde mir empfohlen, dass mein Partner sich doch einer Vasektomie unterziehen könnte. Damit wäre aber erstens, mein Problem nicht behoben und zweitens, ist es auch für jemanden in seinem Alter nicht einfach eine Vasektomie zu bekommen. Zudem ist der Gedanke unglaublich absurd, dass ich zu jung sein soll, um eine Entscheidung für mein Leben zu treffen, aber nicht zu jung, um den Partner fürs Leben zu finden. Da wird mir zweierlei Maß gemessen. Und auch Vasektomien kann man nicht immer rückgängig machen, also wäre die Problematik von mir auf ihn übertragen, und damit von dem Krankenhaus in dem ich war, auf ein anderes abgewälzt.

Wichtig zu wissen ist, dass selbst mit der Sterilisation nichts in Stein gemeißelt ist. Refertilisierungen werden zuverlässiger möglich, künstliche Befruchtung funktioniert einwandfrei, bei meinen anderen Gründen würde es sowieso mehr Sinn ergeben zu adoptieren. Die Liste könnte noch länger sein.

Aber meine anderen Begründungen wurden ja gar nicht mehr angehört. Wenn man mehrere psychische Erkrankungen hat, dann kämpft man sowieso häufig mit Stigmatisierung und damit, dass man nur auf diese Erkrankungen reduziert wird. Und genau das war hier auch der Fall. Ich bin mehr als meine Erkrankungen, ich bin auch immer noch ein Mensch, der sich auch nicht ausgesucht hat, diese Probleme zu haben.

Zeichnungen mit verschiedenen Darstellungen von Elternschaft