- Alter
- 43
- Gender
- weiblich
- Kinderwunsch
- unerfüllt
Warst Du dir schon immer sicher, dass Du selbst Kinder bzw. dass Du keine Kinder willst? Warum? Was lässt dich Zweifeln, was bestärkt dich?
Ich war mir immer sehr sicher, Kinder zu wollen. Auch mehrere. Das hätte ich auch nie angezweifelt. Bis ich dann über die Jahre sozusagen in die Situation kam, dass es nicht klappte mit dem Kinderkriegen, so wie man sich das vorstellt. Meine Vorstellung war, man ist in einer Partnerschaft, lässt die Verhütung weg und wird halt irgendwann schwanger. Dass eine Schwangerschaft vielleicht mal überraschend kommt und nicht so gut passt, hatte ich eher auf dem Schirm, als dass man lange auf eine Schwangerschaft warten muss.
Anfang zwanzig habe ich dann in einer festen Beziehung die Verhütung weggelassen und habe mir so bis Mitte 20 auch keine großen Gedanken gemacht, dass ich nicht schwanger wurde. Also ich habe mir schon gedacht, es wäre schon schön und irgendwie überlegt, warum klappt es denn nicht? Aber es war nicht dramatisch und ich war mir weiterhin sehr sicher in meinem Kinderwunsch.
Der klare Kinderwunsch kam unter anderem daher, dass ich das Großziehen von Kindern bei meinen Eltern schon als sehr positive, große Lebensaufgabe erlebt habe. Ich bin sehr behütet aufgewachsen und immer sehr unterstützt worden. Ich hatte den Eindruck, dass das meinen Eltern bei allen Anstrengungen, auch viel Freude gemacht hat. Und ein großer Sinn im Leben war. Und ich habe das, glaube ich, einfach so übernommen und nicht hinterfragt. Ins Hinterfragen des Kinderwunsches bin ich erst gekommen, als es mit dem Schwangerwerden nicht geklappt hat, muss ich sagen. Ich hätte mir sonst keine Gedanken gemacht, wie es ohne Kinder ist oder warum man keine Kinder haben wollen könnte. Das kam für mich gar nicht in Frage. Obwohl ich auch über Freunde, die Kinder bekommen haben und über meinen Beruf als Hebamme, der sehr nah am Lebensanfang ist und Babys beinhaltet und das Elternwerden viel über die schwierigen Seiten des Kinderhabens mitbekommen habe. Das habe ich aber immer so gesehen als „gehört halt mit zum Paket“, aber das Positive überwiegt. Das kriegt man schon hin.
Rückblickend glaube ich, dass es die größte Herausforderung in meinem Leben war, mein Leben ohne Kinder so zu gestalten, dass es total schön ist, und ohne dafür Vorbilder zu haben. Und dieses Leben lieben zu lernen. Und das habe ich hingekriegt. Und das empfinde ich als die größte Errungenschaft für mich persönlich, dass ich mir mein Leben selber gestalten kann, so wie es mir gut geht und ich mich mit Leuten umgebe, die mir guttun. Die wenigsten meiner engsten Freunde haben Kinder. Das hat sich jetzt so zusammengefunden.
Dass mein Leben heute so ist, wie es ist, hätte ich mir mit Anfang 20 nicht vorstellen können. Ich kannte keine Alternativen zum Leben mit Kindern, hatte keine Idee davon, wie ein Leben ohne Kinder aussehen könnte. Hätte ich eine Vorstellung davon gehabt, wäre vieles einfacher gewesen.
Habt ihr Gespräche innerhalb der Partnerschaft geführt bevor Ihr Euch für ein Kind entschieden habt und wenn ja, welche?
Wir haben Gespräche geführt, bevor wir die Verhütung abgesetzt haben. Nicht wahnsinnig ausführlich, würde ich sagen, aber schon. In unserer Kennenlernphase mit 17 oder 18 Jahren waren Kinder schon ein Thema. Bei Gesprächen darüber, wie wir uns unsere Zukunft vorstellen, was wem wichtig ist, war uns beiden wichtig, mehrere Kinder zu bekommen. Also, die Frage war eher, ob drei oder vier, aber nicht ob. Danach war es aber auch keine Frage mehr. Also es war relativ schnell klar, dass wir das beide so wollen.
In welcher Konstellation hast Du (versucht) ein Kind/ Kinder (zu) bekommen?
Zunächst habe ich viele Jahre lang mit meinem Partner, mit dem ich etwa mit 18 Jahren zusammengekommen bin, versucht, Kinder zu bekommen. Als ich Anfang 20 war, haben wir die Verhütung abgesetzt. Dann ist viele Jahre nichts passiert, irgendwann haben wir geheiratet. Das war unabhängig vom Kinderwunsch, wir haben jetzt nicht geheiratet wegen der Finanzierung einer künstliche Befruchtung oder so. Das machen ja auch viele Paare, aber das war bei uns nicht der Fall.
Heiraten wollten wir trotzdem bzw. unabhängig vom unerfüllten Kinderwunsch. Wir haben dann einen Hund angeschafft, ein Haus bezogen. Also schon so ein bisschen die klassische Vorstellung von Beziehung. Als ich Mitte 30 war, haben wir uns scheiden lassen, da hatten wir dann noch ein paar Jahre mehr mit unerfüllten Kinderwunsch zusammengelebt. Also, wir waren viele Jahre zusammen ohne Kinder. Und haben mit diesem Thema gelebt sozusagen.
Auch in meiner aktuellen Beziehung mit einer Frau habe ich mehrfach versucht, schwanger zu werden.
Welche Wege bist du gegangen, um den Kinderwunsch zu erfüllen? Wie ging es dir damit?
Als es nach Absetzen der Verhütung mit dem Schwangerwerden einige Jahre lang nicht geklappt hat, habe ich mich erstmal belesen, habe versucht die Ernährung anzupassen und um den Eisprung herum Verkehr zu haben. Also, schon das, was man so an Lebensgewohnheiten und Sexualität auch irgendwie optimieren kann. Ich habe aber da schon immer gemerkt, wenn das so in Richtung Sex nach Uhrzeit ging, dass mir das schnell zu viel wurde. Dass es da Grenzen für mich gibt. Dann waren wir am Anfang bei einer Heilpraktikerin. Da habe ich aber auch gemerkt, dass mir das zu viel wurde. Es war einerseits gut, dass man jemanden zum Sprechen über den Kinderwunsch hatte, aber die Intensität, mit der die das behandeln wollte, war mir dann zu viel. Wir haben auch viel Geld bezahlt. Und deswegen haben wir das dann irgendwann gelassen. Als nächstes habe ich meine Frauenärztin gebeten zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Es war alles in Ordnung.
Und dann kamen immer wieder so Phasen, in denen monatelang, manchmal jahrelang nichts passiert ist. Das Thema hing dann schon mit Frustration zusammen. Wenn es eben wieder nicht klappte und ich wieder die Regel bekam. Es gab dann Phasen, in denen ich gar nicht drüber reden wollte. Oder mein Mann nicht drüber reden wollte. Ich fand die Pausen im Nachhinein auch ganz gut. In den Momenten hat es sich zwar nach Stagnation angefühlt, aber es waren auch Phasen des nochmal Nachdenkens, des Erdens. Ich habe auch viel mit Freundinnen darüber gesprochen.
Nach mehreren Jahren habe ich meinem Mann gesagt, dass ich gerne mal ein Spermiogramm hätte. Damit hat er sich schwergetan, das ist ein Tabu glaube ich. Aber er hat es dann gemacht. Und das fiel nicht super schlecht aus, aber eben auch nicht sehr gut. Also es war irgendwie unklar und wir wussten weiterhin nicht, woran es liegt, dass ich nicht schwanger wurde. Wir waren dann auch schon über 30 und haben überlegt, ob wir uns in einem Kinderwunschzentrum vorstellen. Parallel hatte es aber auch angefangen, dass ich kritischer auf Schwangerschaft, Geburt und Kinderhaben schaute. Und ich fing damit an, mich damit auseinanderzusetzen, was wäre, wenn sich der Kinderwunsch nicht erfüllt.
Und dann waren wir in der Kinderwunschklinik und haben uns da beraten und untersuchen lassen. Ich fand es ganz schrecklich dort, es war wie im Bestattungsinstitut, als wären alle schwerkrank, die Männer alle gesenkten Hauptes. Auch mein Mann sagte, dass er sich das nicht mehr antun will. Man hat auch gemerkt, dass viel Geld dranhängt. Alles war so in Zahlen gepresst: Erfolgschancen und Bezahlung waren das Wichtigste dort. Eine Ärztin fand ich sehr wenig einfühlsam. Da wurde mir dann gesagt, dass die Chancen in meinem Alter bei 5 % oder so was wären. Mir wurde so eine Zahl hingeknallt und dass das sowieso alles nicht funktioniert. Ich bin danach wirklich weinend zusammengebrochen, weil das so negativ war. Und danach war wieder ein Jahr Ruhe mit dem Thema, weil ich mir dachte, das tu ich mir nicht an. Dort bzw. so muss ich mich nicht behandeln lassen, das ist nicht mein Weg.
Ich glaube, wir hatten auch von Anfang an Vorbehalte gegenüber künstlichen Befruchtungsszenarien, also IVF (In-vitro-Vertilisation – Befruchtung findet im Reagenzglas statt) oder ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion – Spermium wird im Labor direkt in Eizelle injiziert). Im Bekanntenkreis haben wir tatsächlich mehrere Fälle, wo Kinder nach ICSI behindert zur Welt gekommen sind. Gleichzeitig habe ich immer mehr gesehen, wie gut es einem ohne Kind gehen kann. Es war auch nie so ein Druck da, dass für einen von uns der unerfüllte Kinderwunsch ein Trennungsgrund gewesen wäre. Es fühlte sich nicht ausweglos an. Ich kriegte dann noch irgendwelche Blutbefunde, die wieder in Ordnung waren. Nach dem Jahr Pause kam dann die Frage auf, ob wir es vielleicht mit einem Spender versuchen. Wir haben dann Sperma aus Dänemark nach Hause bestellt, das ging damals rechtlich. Das war immer sehr aufregend, wenn der riesen Kryobehälter kam. Wenn es auf diesem Weg geklappt hätte, wäre es so gewesen, ich hätte mich auch gefreut, aber ich merkte auch, dass ich es emotional herausfordernd fand. Also, in dem Sinne, dass ich ja wusste, dass ich einen Partner habe, der theoretisch ein Kind zeugen könnte und dann biologisch das Kind einer anderen Person auszutragen… Das hätte für mich doch etwas Seltsames gehabt. Das haben wir dann nach drei Versuchen wieder gelassen, das war auch sehr teuer, 1.000 Euro pro Spende.
Ja, und kurz danach haben wir uns scheiden lassen. Mein Mann und ich hatten uns auseinander gelebt. Ich würde nicht sagen, dass wir uns wegen des unerfüllten Kinderwunschs getrennt haben, aber es hat sicher mit reingespielt, da unsere Beziehung von Anfang an sehr darauf angelegt war und uns fehlte ein alternativer Blick in die gemeinsame Zukunft. Es gab aber auch bei uns beiden eine Sehnsucht nach „Was gibt es noch?“, da es für uns beide die erste Beziehung war.
Und dann habe ich mich neu verliebt in eine Frau. Und habe gemerkt, dass das Kinderwunschthema für mich nicht erledigt war und habe ihr von Anfang an gesagt, dass mich dieses Thema weiter begleiten wird, sei es nur in meinem Kopf oder auch wirklich praktisch in der Umsetzung. Meine Partnerin hatte bisher keinen Kinderwunsch, hat sich dann damit auseinandergesetzt und letztlich gemeint, okay, können wir probieren. Dann haben wir überlegt, auf welchem Weg wir Sperma besorgen. Eine Samenspende von einer deutschen Samenbank konnte ich mir nicht vorstellen, da sucht die Samenbank den Spender letztlich aus. Damit konnte ich nicht gut umgehen. Meine Partnerin wiederum konnte sich nicht gut vorstellen, dass der Erzeuger in unserem Leben rumspringt. Es hat eben alles Vor- und Nachteile. Ich hatte eher den Wunsch, dass ich die Person gerne kennen würde, auch dass sie ansprechbar wäre, wenn das Kind wissen will, wo es herkommt. Also, wir sind da nur auf einen halben Nenner gekommen. Wir haben sehr viele Wege durchdacht und dann zwei ausprobiert: Zunächst haben wir ein schwules Paar aus unserem Bekanntenkreis gefragt, die sich sehr geehrt fühlten, aber zu der Zeit selbst keine Kinder wollten. Dann haben wir uns noch mal darauf eingelassen, Sperma in Dänemark zu bestellen. Dort kriegt man vom Spender ja auch Kinderfotos und die Motivation der Spende. Die Klinik in Dänemark hatte ich außerdem in guter Erinnerung von einer Reise mit meinem Mann. Dort waren alle total freundlich, es arbeiteten nicht nur Ärzte, sondern auch Hebammen dort, alles war total positiv. Ich hatte den Eindruck, die Vorteile der Samenspende wurden dort gelebt und gefühlt. Das hast du richtig gemerkt, dass Samenspende nicht (nur) für Krankheitsfälle gedacht war, sondern einfach als eine andere Art, ein Kind zu kriegen, gelebt wurde. Und deswegen bin ich bei der Samenbank dann letztlich hängengeblieben. Wir haben das dann fünf oder sechs mal bei mir versucht und es hat wieder nicht geklappt. Ich war dann auch schon Ende 30, sodass die Chancen natürlich schon schlechter waren. Aber auch die Art der Insemination kann entscheidend sein, leider haben die meisten Gynäkologinnen Angst dabei zu unterstützen, weil sie auf irgendwelche Unterhaltsansprüche verklagt werden könnten. Eine Gynäkologin hat uns einmal dabei unterstützt, sich dann aber nicht mehr getraut. Und das war dann mein letzter Akt vor ungefähr drei Jahren. Meine Gynäkologin meinte dann, dass sie empfehlen würde, dass es jetzt entweder meine Partnerin versucht, weil die jünger ist oder dass ich Maximalprogramm fahre mit Präimplantationsdiagnostik und hormonell noch mehr anstimulieren usw. Aber meine Partnerin kann sich das nicht vorstellen und wenn Supermedizin aufgefahren wird, mache ich dicht.
Ich habe auch mal über Adoption nachgedacht. Ich habe einen Adoptionsratgeber im Regal stehen – keine zehn Seiten habe ich darin gelesen. Würde mir jemand ein Waisenkind vor die Tür setzen, würde ich das großziehen und mich darum kümmern, wie um mein eigenes. Aber mich irgendwo anzumelden in einem Amt, ein Kind zugeteilt zu kriegen, wo ich vielleicht weiß, in der Schwangerschaft gab es Drogenkonsum. Irgendwie habe ich mir das nicht vorstellen können. Ich stecke meine Energie dann lieber in meine Arbeit bei den Familien, die es dann brauchen, damit sie vielleicht nicht drogenabhängig werden. Ich habe meinen Platz dann eher dort gesehen. Interessant war für mich in der Beschäftigung mit Adoption und Pflege, dass ich in meinem heutigen Alter zum Beispiel gar kein Baby mehr adoptieren könnte, sondern wenn dann ein älteres Kind. Das war mir davor gar nicht bewusst.
Inwiefern hast Du die Umsetzung des Kinderwunschs ad acta gelegt? Wie geht es dir damit? Wie hast du es geschafft, einen (guten) Umgang damit zu finden?
In den letzten drei Jahre seit meinem letzten Versuch schwanger zu werden, habe ich gemerkt, dass sich das Kinderthema friedlicher anfühlt. Ich merke halt, man wird nicht jünger und das wäre auch immer anstrengender für mich. Die Wechseljahre rücken näher und auf der einen Seite bin ich natürlich traurig, dass es nicht geklappt hat und gleichzeitig aber auch total entspannt, weil ich merke, endlich geht dieses Thema langsam weg. Manchmal ist es noch im Hinterkopf, denn ich betreue ja auch Paare, die über 40 sind, die jetzt ein Kind kriegen gerade. Das erinnert mich dann daran, dass es noch im Rahmen des Möglichen ist auf diesem Planeten, und dann werde ich schon ein bisschen wehmütig.
Das Thema Kinderwunsch hat mich über Jahre, eigentlich fast Jahrzehnte immer wieder beschäftigt. Sei es, weil ich mich mit Wegen zur Kinderwunscherfüllung beschäftigt habe, sei es, dass ich in meine Trauer gegangen bin, also in so einen Abschiedsprozess letztendlich. Es gab ja immer wieder so Momente, in denen ich gespürt habe, ich werde jetzt keine Maßnahme ergreifen und gleichzeitig todtraurig war. Wenn ich zum Beispiel an irgendeinem Springbrunnen vorbeigekommen bin und der wegen des Chlors nach Freibad roch, dann kam bei mir hoch, dass ich nie mit einem kleinen Kind im Freibad sein werde, also einem kleinen Kind, das meines ist. Es fing auch schon früher an, als ich noch hoffte, dass sich der Kinderwunsch später noch realisieren würde, dass ich trotzdem schon so Gedanken hatte, wie „ich werde nie mit 25 mit meinem Kind im Freibad sein“. Also, selbst wenn ich in dem Moment schwanger geworden wäre, hätte ich gewisse Sachen gar nicht mehr machen können, die einfach in meiner Vorstellung immer da waren. Auch die Anzahl der Kinder hat sich so ein bisschen runtergerechnet über die Jahre.
Viel reden mit Freundinnen war wichtig. Ich war auch mal in einer Art Therapie, um einfach einen Platz für das Thema zu haben. Ich würde schon sagen, dass mein Weg in Bezug auf Kinderwusch mich als Person auf jeden Fall verändert hat. Und ich kann auch sagen, dass das Thema Kinderwunsch für mich heute in Ordnung ist. Es fühlt sich friedlich an und ich habe gelernt mit der Trauer umzugehen. Ich denke, alle Menschen haben ihr eigenes Päckchen zu tragen und der unerfüllte Kinderwunsch ist halt meins. Es war eine Herausforderung für mich, zu erkennen, dass es ohne Kinder total schön ist. Ich habe es lieben gelernt.
Viele Aspekte des Elternseins finden bei mir in anderen Dimensionen statt, denke ich. Ich glaube zum Beispiel, dass Elternsein sehr viel mit Verantwortung und sich kümmern zu tun hat und das mache ich an anderen Stellen, sei es beruflich oder bei Freunden, dass ich da irgendwie ganz eng mit involviert bin oder bei meiner eigenen Familie, meinen Eltern oder Geschwistern. Wenn es jemandem nicht gut geht, fühle ich da eine enge familiäre Verantwortung, kümmere mich und bleibe dran.
Und dann denke ich, dass Elternschaft auch sehr, sehr viel mit Loslassen zu tun hat. Also, immer wieder neue Phasen, immer wieder loslassen, jemanden begleiten, bis er alleine klarkommt. Und das habe ich in anderen Situationen, finde ich, unter anderem auch das Loslassen des Kinderwunsches.
Was ich schon schön finde, ist, wenn junge Menschen um einen herum sind. Diese ungefilterte Lebensenergie, das ist schon irgendwie cool. Das finde ich toll an meiner Tätigkeit als Praxisanleiterin im Kreißsaal, dass ich beruflich immer mit jungen Leuten zu tun habe, also den werdenden Hebammen. Das hält mich jung. Auch die werdenden Eltern, die ich betreue, sind inzwischen meistens jünger als ich. Ich werde da also irgendwann die Alte sein, aber ich werde immer junge Leute um mich herum haben, und das finde ich toll.
Inwiefern hast du Kinder in deinem Leben, auch ohne eigene?
Also, beruflich habe ich ganz regelmäßig Kinder in meinem Leben, eigentlich täglich. Ich vermisse das auch, wenn ich das nicht habe. Definitiv. Das sind eben auch immer ganz kleine Kinder in meinem Alltag als Hebamme.
Ansonsten habe ich ein Patenkind, mit dem ich auch engen Kontakt habe. Das Kind wurde geboren, als mein Kinderwunsch ganz akut war lustigerweise. Jetzt ist es schon volljährig. Und natürlich habe ich auch mit Kindern von Freunden zu tun und guten Kontakt. Aber ich merke, ich bin jetzt niemand, die irgendwie massiv auf Kinder zugeht. Das ist mir dann auch zu anstrengend. Andere haben das immer wieder an mich herangetragen, ob ich vielleicht in eine Gemeinschaft ziehen möchte und mich da in das Leben mit Kindern einbringen möchte. Aber da habe ich immer gemerkt, da wären dann für mich die Vorteile des Kinderlos-seins nicht mehr da. Diesen Anteil scheint es in mir auch zu geben, der gerne nur die Tante ist, die dann mal kommt und einen flotten Spruch hat und mal kurz spielt, aber dann auch wieder geht. In meinem Alltag vermisse ich keine Kinder.
Beruflich habe ich lange Zeit vor allem Familien im Wochenbett betreut. Selbst einen eigenen unerfüllten Kinderwunsch in diesem Beruf zu haben, wo du quasi als Fachfrau in die Familien gehst, die genau das jetzt haben, was du nicht hast. Das war schlimm. Dazu dann noch Freunde, die anrufen und sagen „Wir sind schwanger – willst du unsere Hebamme sein?“ Also, wenn das so von allen Seiten kam, das war heftig.
Da habe ich manchmal wirklich noch Freude am Telefon grade so ausgedrückt, aufgelegt und geweint. Weil ich einfach nur dachte, wie unfair ist die Welt. Das war schon echt hart zwischendurch. Und trotzdem hat mich der Beruf auch sehr gestärkt, weil ich immer wieder gemerkt habe, wie gut ich mit Babys kann.
Durch meinen Beruf glaube ich auch tatsächlich, ich wäre eine wirklich gute Mutter gewesen. Also sicher mit ihren Fehlern - auf jeden Fall. Aber ich glaube, ich hätte mich wirklich gut gekümmert, wäre authentisch gewesen, hätte gut zugehört.
Die Kombination aus unerfülltem Kinderwunsch und meinem Beruf hat mich also gleichzeitig belastet und gestärkt. Ich habe mir dann auch irgendwann gesagt: Du wirst immer mit Babys zu tun haben, wenn du willst, in deinem Job.
Zwischendurch habe ich auch an einen Jobwechsel gedacht. Durch eine systemische Beratung wurde mir bewusst, dass ich einem Umfeld lebe, das krass auf Kinder ausgerichtet ist. Ich kannte wenige Personen, die ein anderes Lebensmodell hatten und das ist, glaube ich, auch die Herausforderung gewesen. In anderen Kreisen, anderen Berufsfeldern mit mehr Karriereperspektive wäre das Thema vielleicht gar nicht so intensiv immer wieder aufgekommen. Der Gedanke hat mich irgendwie beruhigt. Es war wichtig für mich anzuerkennen, dass es mit meinen Lebensumständen zu tun hat, dass sich der unerfüllte Kinderwunsch so anfühlte, wie er sich eben anfühlte und dass es okay ist, so zu fühlen.
Was ist eigentlich das Schöne am (keine) Kinder haben?
Keine Kinder haben das ist ja, dass man letztendlich unabhängig ist und nur für sich selbst verantwortlich. Klar habe ich enge Bindungen, wo ich mich total verantwortlich fühle, aber das sind erwachsene Menschen. Keine Kinder haben gibt mir Freiheit. Im Endeffekt kann ich machen, was ich will. Das Soziale ist alles mein frei gewähltes Miteinander mit anderen erwachsenen Leuten. Das finde ich toll.
Außerdem finde ich es ganz toll, dass sich mein Körper so entwickelt, wie er ist, ohne große, einschneidende Erlebnisse. Also, zum Beispiel ohne schwere Geburtserlebnisse verarbeiten zu müssen. Also, gerade in meinem Beruf weiß ich ja, wie schwierig das auch oft sein kann. Und ganz ehrlich, das brauche ich nicht. Also ich merke richtig, dass ich heilfroh bin, dass dieser Kelch an mir vorübergezogen ist. Früher hätte ich so nie gedacht. Wie gesagt, da dachte ich, sowas wie die Geburt ist so eine Randerscheinung, die man wegsteckt. Das hätte auch bestimmt geklappt, das weiß ich. Aber jetzt im Rückblick denke ich, ach, auch nicht schlecht, wenn mein Körper sich nur durch das Alter verändert. Das sind für mich die Hauptvorteile.
Mit wem sprichst du über deine Lebenssituation?
Mit Freundinnen auf jeden Fall. Wobei es ganz wenige Freundinnen gibt, die selber Kinder bekommen haben, mit denen ich durchgehend einen sehr guten Kontakt hatte. Die meisten sind dann irgendwann doch mit meinem Thema unerfüllter Kinderwunsch nicht klar gekommen oder ich bin nicht mit ihnen klar gekommen, wie auch immer. Da war dann irgendwas, dass die Lebenswelten so unterschiedlich wurden. Und spätestens wenn ich dann die Betreuung der Schwangerschaft abgelehnt habe, weil mir das dann wirklich zu nah war, ist da was zerbrochen. Das war so meine Grenze, dass ich dann Freundinnen äußerst selten betreut habe. Nur wenn ich genau wusste, mit der Freundin kriege ich das hin. Bei vielen habe ich es nicht hingekriegt. Ich habe dann immer eine nette Kollegin vermittelt und auch gerne mal eine zweite Meinung abgegeben oder was Akutes beantwortet, aber die gesamte Betreuung zu übernehmen war mir zu wen, zu viel. Das konnte ich mir nicht antun, das wäre Selbstkasteiung gewesen.
Ich hatte weniger als eine Handvoll Freundinnen, die die ganze Zeit da waren, mit denen ich immer offen reden konnte und die selbst Kinder bekommen haben. Das waren Frauen, die sehr reflektiert mit Elternsein umgegangen sind. Die auch über die weniger schönen Seiten des Elternseins sprechen konnten. Und die immer ein offenes Ohr für mich und meine Themen hatten. Die auch andere Themen zulassen konnten als Kinderthemen.
Darüber hinaus habe ich auch im Rahmen einer systemischen Beratung über meinen Kinderwunsch gesprochen, was sehr hilfreich war.
Wie haben sich Freundschaften verändert, seit Du bzw. enge Freund*innen Kinder haben?
Ein befreundetes Paar aus der Schulzeit, mit denen wir eng befreundet waren in einem Freundeskreis, in dem lauter Pärchen waren, die alle Kinder kriegten, fragte mich als Hebamme an. Ich merkte dann, dass der Kontakt doch nicht so gut war, dass ich meinen Kinderwunsch hätte ansprechen können. Es war halt schon eine Freundschaft, aber scheinbar nicht so tief, dass man über tiefe Probleme letztlich redet. Ich habe also die Betreuung als Hebamme abgesagt. Ich bin dann natürlich trotzdem zu Besuch gewesen und habe auch netten Kontakt gehabt. Aber das wurde immer weniger. Von beiden Seiten, glaube ich. Da gab es jetzt nie groß Kommunikation dazu oder einen Streit.
Aber ich habe zunehmend gemerkt in diesem Freundeskreis, in dem dann alle Kinder hatten und wenn wir zusammen saßen ging es viel um diese Kinder – das einzige, was ich da machen konnte, war arbeiten. Ich beantwortete fachliche Fragen den ganzen Abend lang. Ich habe das also immer mehr als eine Art Arbeitssituation wahrgenommen, was für mich jetzt nicht so gewinnbringend war. Die Beziehung zu diesen Freunden ist dann schnell abgekühlt.
Das war jetzt eher ein Negativbeispiel. Ein positives Beispiel ist die Beziehung zu einer meiner besten Freundinnen. Wir lernten uns kennen, da hatten wir beide keine Kinder. Sie hat dann irgendwann ein Kind bekommen und ich habe mich sowohl in der Schwangerschaft als auch im Wochenbett von mir aus viel eingebracht, weil ich sie wirklich sehr gerne mochte. Ich hab zum Beispiel was gebastelt und ihr Essen vorbei gebracht, sie viel unterstützt, aber auf einer freundschaftlichen Ebene, nicht Hebammen-mäßig. Es war immer so, dass es auch Raum für mich gab. Klar gab es auch mal Tage, an denen es ihr nicht gut ging und es nur ums Baby ging, aber das war selten. In der Elternzeit hat sie sich meistens richtig gefreut, dass jemand kommt, der ein anderes Thema mit ihr besprechen kann. Es war gewinnbringend für uns beide, weil ich konnte reden, sie hatte Zeit mir zuzuhören und sie hat sich gefreut, mal was anderes zu hören als Babythemen. Ich glaube, wir haben das gut hingekriegt.
Sie ist auch sehr einfühlsam gewesen, als zum Beispiel das zweite Kind bei ihr kam. Ich war zu der Zeit gerade in so einem ganz akuten Kinderwunsch-Schub. Ich weiß noch, da hat sie wirklich an Silvester tagsüber angerufen und mir mitgeteilt, dass sie beim gemeinsamen Feiern abends nichts trinken wird. Und dass ich mir wahrscheinlich denken kann, warum. Und dass sie mir das erzählen will, weil es ihr für mich leidtut. Also, sie hat kommuniziert, dass sie empathisch für mich mitdenkt und das hat mich irgendwie sehr beeindruckt. Dass ich da so gesehen wurde. Das hat sonst nie einer gemacht.
Und heute sind wir immer noch total gut befreundet. Ihre Kinder sind jetzt schon groß. Mit ihr konnte ich immer offen kommunizieren und sie hat einfach immer mit an mich gedacht oder zumindest an den wichtigen Punkten. Und deshalb hat es eben all die Jahre total gut geklappt. Als sie schwanger wurde, hat sie sich glaube ich total gefreut und gleichzeitig auf dem Schirm gehabt, dass sie eine Freundin hat, bei der es nicht klappt und sie hat das einfach ausgesprochen. Ich glaube, sie war bestimmt nicht die Einzige in meinem Umfeld, der das so ging. Aber sie war die Einzige, die es ausgesprochen hat. Das wird mir jetzt grade erst so deutlich bewusst.