Alexis

Alter
36
Gender
Weiblich
Kinder
1

Welche gesellschaftlichen Erwartungen werden an Dich bezüglich Kinder kriegen bzw. Kinder haben herangetragen? Mit welcher davon hast du am meisten zu kämpfen?

Ich kämpfe mit Erwartungen an Elternschaft, die von allen Seiten an mich herangetragen werden. Die traditionellen Geschlechterrollen, finde ich natürlich wesentlich schlimmer, aber auch linke, feministische Normen stressen mich oft. Verinnerlicht habe ich leider beide Rollenerwartungen – doppelt anstrengend manchmal.

Sobald ich schwanger war, ging es los mit den traditionellen Rollenbildern: Ich wurde in der Geburtshilfe oder beim Anruf bei der Krankenkasse als „die Mutti“ adressiert – stereotype Mutterschaftsbilder inklusive. Es wurde ständig angenommen, dass ich diejenige sein würde, die sich primär ums Kind kümmern wird. Kurz nach der Geburt, als ich auf der Straße unterwegs war, fragt mich eine Nachbarin ehrlich überrascht, wo ich denn mein Baby gelassen hätte. Eine Frau im Wochenbett, die ohne Baby unterwegs ist, ist mindestens eine Kuriosität. Zur Hälfe war ich stolz, dass wir es anders machen, zur anderen Hälfte hatte ich gleich ein schlechtes Gewissen meinem Kind gegenüber. Wenn mein Freund ohne Kind unterwegs war, war das keinen Kommentar wert. Wenn mein Freund hingegen mit Baby unterwegs war, bekam er Komplimente. Aber auch von linker und/oder feministischer Seite erlebe ich Erwartungen z.B. das Kind gut abgeben zu können, schnell wieder lohnarbeiten gehen, nicht zu viel über das Kind zu reden.

In der Schwangerschaft und kurz nach der Geburt hat mich der Stilldiskurs am meisten belastet. Auf jeder Milchpulverpackung und jedem Gemüsegläschen steht drauf, dass ich mein Kind lieber stillen sollte, als ihm das gekaufte Produkt zu geben. In unendlich vielen Gesprächen wurde ohne Rückfrage davon ausgegangen, dass ich stillen würde – und das leider auch in linken Kreisen. My body my choice muss auch hier gelten.

Stillen und füttern: Wie lief das ab und wie geht’s/ging‘s dir damit?

Ich habe es mir bis zum Moment der Geburt meines Kindes offen gehalten, ob ich stillen möchte oder nicht. Ich fand es einfach unvorstellbar, wie stillen ist und ob ich das wollen würde, da Brüste in unserer Gesellschaft so stark aufgeladen sind und auch, weil der aktuelle Stillimperativ (zumindest in meinem Umfeld) in mir direkt Widerstand und ein Hinterfragen ausgelöst hatte.

Als mein Kind direkt nach der Geburt auf mir lag, habe ich einen Moment innegehalten, den dringenden Rat der Hebamme an meiner Seite, dass ich mal ganz schnell „anlegen“ soll, ignoriert und einfach das Kind gespürt und es angeschaut und in mich hineingespürt und mich dann dafür entschieden, es zu versuchen. Ich habe dann zwei Wochen voll gestillt und danach haben mein Partner und ich direkt mit Zwiemilch angefangen. Zwiemilch, das heißt, das Kind bekommt sowohl Muttermilch als auch Milchpulver-Fläschchen. Im ersten halben Jahr sah das so aus, dass von den durchschnittlich acht Milchmahlzeiten am Tag 1-2 von meinem Partner mit dem Fläschchen übernommen wurden und den Rest habe ich gestillt. Mein Partner hat auf jeden Fall immer nachts ein Fläschchen gegeben, sodass ich zumindest die halbe Nacht am Stück schlafen konnte. Und nach Bedarf hat er ein weiteres gegeben, wenn ich zum Beispiel abends weggehen wollte. Als ich nach einem halben Jahr wieder zu arbeiten angefangen habe, hat er tagsüber alle Mahlzeiten übernommen.

Es ging mir und meinem Partner sehr gut mit dieser Methode und ich bin sehr froh darüber, dass wir uns einfach getraut haben, es zu probieren. Anstrengend war nämlich, dass niemand in unserem Umfeld Erfahrungen mit Zwiemilch hatte, auch nicht die Hebammen (und nicht mal Word kennt dieses Wort, stelle ich fest, während ich tippe) und wir es als sehr normierend empfunden haben, wie sehr für das Stillen geworben wurde. In vielen Bereichen scheint mir das Mantra „Was der Mutter gut tut, ist auch gut fürs Baby“ angekommen, aber beim Stillen scheint der Spaß aufzuhören. Mir hat die Methode Zwiemilch erste Freiräume schon im Wochenbett gebracht und sie hat ein gleichberechtigtes Sorgen fürs Kind von meinem Partner und mir unterstützt.

Wie wirkt sich deine spezifische Lebenssituation in Bezug auf "Kinder oder keine" auf deine Sexualität aus?

Schon bevor ich volljährig war, war ich der Meinung, dass ich bei einer ungeplanten Schwangerschaft, das Kind bekommen würde, da ich ja einen Kinderwunsch hatte. Das war gewissermaßen entspannend für Sexualität und Verhütung. Nach der Geburt meines Kindes mit um die 30 fand ich es irritierend wie unvorbereitet mich die Erkenntnis traf, dass es jetzt aus und vorbei war mit dieser Entspannung. Ich wollte AUF KEINEN FALL ungeplant schwanger werden. Ich fand und finde es wunderbar, dieses eine Kind zu haben, aber die Begleitung dieses Kindes ist auch so unfassbar einnehmend, dass ich mir ein zweites nicht vorstellen kann. Ich hätte und habe bis heute nicht die leiseste Ahnung, ob ich im Fall einer ungeplanten Schwangerschaft das Kind bekommen oder einen Schwangerschaftsabbruch machen würde. Vor allem weiß ich, dass ich diese Entscheidung nicht treffen möchte, weshalb eine sichere Verhütungsmethode höchste Prio hat seither. Für mich ist das hormonelle Verhütung. Die war erst nach dem Abstillen möglich, sodass es bis dahin unsere Sexualität stark beeinflusst hat, kein Sicherheitsgefühl zu haben. In Kürze soll eine Vasektomie bei meinem Partner eine sichere Verhütung sicherstellen – und zu mehr Verhütungsgerechtigkeit in unserer Beziehung beitragen.

Welche emanzi­pa­torischen An­sprüche an die Erziehung des Kindes hast du und inwiefern gelingt die Umsetzung?

Für mich war es eine wunderschöne Erfahrung während der Schwangerschaft bereits eine Beziehung zu meinem Kind aufzubauen und sein Geschlecht nicht zu kennen, nicht zu wissen, wie es später durch die Gesellschaft vergeschlechtlicht werden würde. Es war klar, dass es einen geschlechtsneutralen Namen bekommt und wir uns während der Schwangerschaft nicht mitteilen lassen, welche Geschlechtsorgane das Kind hat. Es ist uns wichtig, dass unser Kind (auch) von fürsorglichen Männern und autonomen Frauen umgeben ist, weshalb wir die Elternzeit 50:50 aufgeteilt haben und uns sehr gefreut haben, einen Tagesvater für die Betreuung unseres Kindes zu finden, da Kinder sonst früh anfangen, Männlichkeit mit Autonomie und Weiblichkeit mit Bindung und Fürsorglichkeit zu verbinden. Wir versuchen auch die Umwelt unseres Kindes nicht unnötig zu vergeschlechtlichen und freuen uns sehr darüber, dass unser Kind jetzt mit drei Jahren meistens auf der Straße noch immer sagt, da kommt ein Mensch! Und nicht, da kommt eine Frau oder ein Mann.

Darüber hinaus ist es mir wichtig, dass wir der kapitalistischen Leistungslogik versuchen etwas entgegen zu halten: Das Kind darin zu fördern, was es gerne macht, nicht darin, was es nach irgendwelchen Maßstäben „gut“ macht. Wettbewerb vermeiden und stattdessen kooperative Spiele spielen. Ein beständiger Lernprozess ist für mich der Umgang mit Adultismus. Ich finde es spannend und produktiv im Umgang mit meinem Kind, immer wieder zu hinterfragen, warum ich glaube, dass mein Kind eine bestimmte Sache nicht kann. Wie wir die Wohnung verändern könnten, damit es mehr kann. Wie wir den Tagesablauf verändern können, sodass es mehr mitbestimmen kann. Und was wir Erwachsenen eigentlich alles von diesem kleinen Kind lernen können.

Was ist für Dich feministische Mutterschaft? Geht das überhaupt? Wie geht Vaterschaft ohne in patriarchale Muster zu verfallen?

Dieses Thema beschäftigt mich sehr. Ich habe festgestellt, dass der Begriff „Mutter“ für mich so stark mit stereotypen Rollenbildern verknüpft ist – fürsorglich, aufopfernd, nicht autonom– dass ich mich überhaupt nicht mit ihm identifizieren kann. Ich würde mich niemals als Mutter selbstbezeichnen. Ich spreche stattdessen davon, dass ich ein Kind habe.

Tja, wie also feministische Mutterschaft? Ich bezeichne mich als Feministin und von außen betrachtet bin ich wohl Mutter. Also, scheinbar geht es doch – und natürlich bin ich nicht die einzige. Es geht zusammen, aber es ist eine Herausforderung und es fehlt mir an Vorbildern. Ich hätte gerne eine Fülle an sichtbaren Vorbildern, die von ihren Erfahrungen berichten. Denn rund um die Geburt habe ich das total geschätzt, dass ich mir von vereinzelten feministischen Eltern im Umfeld was abschauen konnte und nicht alles selbst erfinden musste. Ich hätte gerne noch weniger selbst erfinden müssen – deshalb freuen ich mich sehr über diesen Blog.

Zeichnungen mit verschiedenen Darstellungen von Elternschaft